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Vor der Einführung einer sechsjährigen Grundschule hat der
Philologenverband Niedersachsen nachdrücklich gewarnt.
Immer mehr Anzeichen deuteten darauf hin, dass die SPD-Landesregierung
die derzeitige Orientierungsstufe eng an die Grundschule anbinden wolle,
erklärte der Vorsitzende der Lehrerorganisation, Roland Neßler.
Dies sei aber die schlechteste aller denkbaren Schulstrukturreformen
und werde Niedersachsen als Bildungs- und Wirtschaftsstandort weiter
zurückwerfen.
Alle Erfahrungen und seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen
kämen zu dem Schluss, dass das Lernen in Gruppen mit höchst
unterschiedlich Befähigten weniger erfolgreich sei als in Gruppen
mit annähernd gleich Leistungsfähigen. Wenn in einer Klasse
mit etwa 30 Schülern überdurchschnittlich Begabte mit sehr
langsam Lernenden zusammen säßen, könne der Lehrer letztlich
keinen bestmöglich fördern.
Die de-facto-Verlängerung der Grundschule bedeute, dass dieses
jetzt schon die Orientierungsstufe belastende Problem der mangelhaften
begabungsgerechten Förderung sich noch weiter verschärfen
werde.
Neßler verwies auf eine bereits vor einiger Zeit erfolgte Untersuchung
des hoch angesehenen Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.
Danach lernen Kinder in einer sechsjährigen Grundschule, wie sie
Berlin hat, deutlich weniger als Schüler, die bereits nach der
4. Klasse weiterführende Schulen besuchen. Inzwischen, so Neßler,
sei die Lernsituation in der Grundschule noch wesentlich schwieriger
geworden.
Die Versprechungen des Konzepts "Bildungsoffensive in Niedersachsen"
zur Förderung lernstarker und lernschwacher Kinder in den Klassen
5 und 6 nannte Neßler unseriös, weil unerfüllbar
.
So stelle Ministerin Jürgens-Pieper für vielfältige Fördermaßnahmen
zusätzliche Lehrkräfte in Aussicht, könne aber derzeit
nicht einmal den Pflichtunterricht sicherstellen. Die Ministerin rede
von mehr Lehrerfortbildung, doch sei gerade dieser Bereich seit einigen
Jahren drastisch zusammengestrichen worden.
Die Erstellung "individueller Förderpläne" für
jedes Kind sei viel zu aufwendig, um bei den umfangreichen Belastungen
des Schulalltags realisiert und kontrolliert werden zu können.
Neßler empfahl abschließend eine Schulstrukturreform, die
für Niedersachsen die bundesdeutsche Normalität wiederherstellt,
nämlich den Übergang der Schüler in weiterführende
Schulen nach der 4. Klasse. Nur so seien begabungsgerechte Förderung,
Qualitätssteigerung und eventuell auch eine Verkürzung der
Schulzeit denkbar.
-phvn-
25.10.2001
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