Bauern bangen um Zukunft ihrer Betriebe Landvolkverband: BSE betrifft alle Rinderhalter

 
Hohnstorf. Der landwirtschaftliche Betrieb von Friedhelm Diercks gehört eher zu den kleineren Höfen: rund 100 Rinder stehen im Stall des Hohnstorfer Familienbetriebes, auf 36 Hektar werden Getreide, auf zehn Hektar Mais angebaut, dazu gehören 62 Hektar Grünland: "Bauernhöfe wie unseren gibt es viele in der Elbmarsch", sagt der Landwirt.

Nicht einmal zwei Kühe, genau 1,6 "Großvieheinheiten" kommen auf einen Hektar Hauptfutterfläche - weit entfernt von industrieller Landwirtschaft. Auf dem Hof Diercks hatte der Landvolkverband am Montag Landwirte und Presse zu einem Informationsgespräch geladen.

Stolz präsentiert Friedhelm Diercks die Ehrenurkunden an der Wand der Milchkammer - die erhielt der Hof "für hervorragende Leistungen". "Als Milcherzeuger sind wir ein gläserner Betrieb", erklärt er. Und zeigt Zucht- und Stallbücher, Lieferantenlisten und Ohrmarken. Die Geburt eines jeden Tieres wird dokumentiert, jedes Kalb bei der zentralen Datenbank in München gemeldet.
Friedhelm Diercks
Friedhelm Diercks zeigt Zucht- und Stallbücher, in denen jedes Rind verzeichnet wird. Anhand der Ohrmarken lässt sich die Herkunft jedes Tieres in einer zentralen Datenbank zurückverfolgen

Ein Rinderpaß und die Ohrmarken begleiten jedes Rind ein Leben lang - und machen es unverwechselbar. Futter für seine Tiere darf Diercks nur bei Mischfutterwerken zukaufen, die amtlich überwacht werden: "Auf deren Angaben müssen wir uns verlassen können", meint Landwirt Diercks. Seit der BSE-Krise mischt er das Futter wieder selbst - aus Mais und Weizen vom eigenem Hof, als Eiweißfutter kommen Sojabohnen hinzu.

Der Rinderwahn ist allerdings auch an dem Hohnstorfer Betrieb nicht ganz spurlos vorbeigegangen: "BSE betrifft alle Rinderhalter", erklärt Hans-Georg von Campen vom Landvolkverband. Der wirtschaftliche Schaden sei immens, noch mehr schmerze die Betroffenen, dass sie als Verursacher der Rinderkrankheit dargestellt würden.

Das sei frustierend auch für die nächste Generation, meint ein Landwirt: "Sollen die ihre landwirtschaftliche Ausbildung überhaupt noch zu Ende bringen oder sich lieber etwas anderes suchen?" Die grössten Problem haben die reinen Mastbetriebe: Während man vom Milchverkauf gerade noch existieren könne, würden für das Kilogramm Rindfleisch jetzt nur noch drei statt früher 5,20 Mark gezahlt - "das ist beschämend."

Auch Schlachtkühe sind derzeit auf dem Markt nicht abzusetzen, bei etwa 70 Kälbern, die durchschnittlich pro Jahr und Betrieb in der Elbmarsch geboren werden, wird der Platz in den Ställen langsam eng. Friedhelm Diercks hat schon mit dem Gedanken gespielt, seinen Betrieb auf ökologischen Landbau umzustellen.

Doch das ist schwierig bei den wechselnden Wasserständen in der Elbmarsch: ist der Boden zu feucht, lässt sich der Acker mit den schweren Maschinen nicht bestellen, "dann haben die Wildkräuter einen Wachstumsvorsprung vor dem Öko-Futtergetreide", erklärt er. Früher, erzählt Diercks, seien die Inhaltsstoffe der Futtermittel offen deklariert worden:

"Das wurde vor 20 Jahren von den Politikern wieder abgeschafft, sonst hätten wir jetzt vielleicht keinen Rinderwahnsinn." Sein Kollege Peter Röhr hat in der vergangenen Woche noch ein Rind schlachten lassen: "Ich bin mir sicher, die Kuh hatte kein BSE", grübelt der Landwirt aus Hittbergen. "Aber wenn ich Pech habe, kommen die schon morgen, um meine ganze Herde zu keulen. Da steckt man nicht drin."
24.01.2001

 
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